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23Jan/080

Eine Person mit Namen Unterdruck

Kommentare zum gleichnamigem Artikel in bildungsklick...

von Salman Ansari, am 23.01.2008, 10:06
Das Wort „entdecken“ könnte folgende Bedeutungen enthalten:
herausfinden, aufspüren, ermitteln, herausbekommen usw. Wir können allerdings nur dann etwas herausfinden, aufspüren usw., wenn es uns gelingt, auf der Grundlage unseres vorhandenen Wissens und unserer Erfahrung eine Sache gezielt zu erforschen. Eine Sache gezielt aufzuspüren werden wir nur dann bereit sein, wenn sie uns bedrängt oder wenn ein Ereignis, das in einem von uns nachvollziehbaren Kontext steht, uns rätselhaft erscheint und zu Fragen anregt. Jedenfalls werden wir nicht als Forschender agieren können, wenn uns die Fragestellung künstlich aufgedrängt oder uns in einer Art und Weise präsentiert wird, die sich unserer Erfahrungsmöglichkeiten, unseren Interpretationsmöglichkeiten entzieht.
Seit der jüngsten ist jedoch ein blühender Markt mit ungewöhnlichen Angeboten für zusätzliche Aktivitäten für Schulen und Kindergärten entstanden, dessen positive Wirkung auf die kognitive und emotionale Entwicklung der Kinder angezweifelt werden muss.
Nicht nur der beschriebene Versuch mit dem Ei gehört zu dieser Kategorie. Solche Versuche haben mit dem Erwerb von naturwissenschaftlichen Kompetenzen nichts gemeinsam. Auch die Interpretation des Versuches ist nicht korrekt: Das Ei wir nicht in die Flasche „eingezogen“, sondern von der Luft hineingedrückt. Ein Sachverhalt, den selbst viele Erwachsene nicht nachvollziehen können. Wie die erwärmte Luft einen Unterdruck in der Flasche erzeugen kann, ist ebenfalls ein Phänomen, das Kinder mit Ihren Erfahrungsmöglichkeiten nicht nachvollziehen können.
Ich kann mich heute noch an viele Tricks eines Zauberers erinnern, den ich in einer Veranstaltung vor mehr als vierzig Jahren gesehen habe. Von Bedeutung für das Lernen ist vornehmlich, ob ich in der Lage bin, eine neue Erfahrung mit den bereits Vorhandenen zu vernetzen.

von Unknown, am 23.01.2008, 21:09
Das würde ich gerne sehen, dass durch Erwärmung Unterdruck entsteht!

von Salman Ansari, am 06.02.2008, 12:54
•Durch erhitzen dehnt sich die Luft aus und entweicht aus der Flasche. Wenn die Temperatur sinkt entseht ein Druckgradient bzw. Druckgefälle zwischen den Druckverhältnissen außerhalb der Flasche und innerhalb der Flasche.
•Nur versucht das System einen Druckausgleich.
•Dies kann nur dadurch erreicht werden, dass die äußere Luft in die Flasche einströmt, wobei gleichzeitig das Ei hineingeschoben wird.
Hier sind also mehrere Phänomene, die fast parallel ablaufen wirksam. Im Prinzip kann man mit dem Versuch nur zeigen, dass miteinander verbundene Systeme mit einem Gefälle stets den Ausgleich suchen. Also zwei unterschiedlich warme Körper verbunden miteinander bewirken Temperatur Ausgleich, wobei die Flussrichtung stets von höherem Zustand zum niedrigen gekennzeichnet ist. Dasselbe gilt für ein Wassergefälle oder Konzentrationsgefälle usw. Der Ausgleich findet, weil ausgeglichene Systeme, einen niedrigen Energiehaushalt haben und somit stabiler sind. Will man all dies Kindern in den Kindergärten beibringen?
Leider finde ich dieser Art von Handreichungen und Experimenten in vielen Projekten. Aus meiner Sicht ist all dies in keinster Weise geeignet, Kindern dabei zu helfen, sich selber und ihre Welt besser zu verstehen.

von Irmtraud Lohs, am 11.02.2008, 20:00
Wir finden die Kommentare zu dem Artikel über unsere Arbeit im Bereich Forschen und Experimentieren sehr spannend und sie haben uns zu regen Diskussionen angeregt.
Einige Aussagen in dem Artikel sind stark verkürzt und teilweise auch nicht so wiedergegeben, wie wir meinen, sie weitergegeben zu haben, andere stimmen für uns.
Einigen Aussagen in den Kommentaren können wir sofort zustimmen und anderen weniger.
Grundsätzlich gilt für uns:
Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist uns shr wichtig und somit hochwillkommen.
Um sich einen realistischen Eindruck über unsere Arbeit zu verschaffen bieten wir gerne an, uns vor Ort zu besuchen und sich kritisch und konstruktiv mit uns auseinander zu setzen.
Irmtraud Lohs
Erzieherin in der Kindertagesstätte der Hainhölzer Kirche in Hannover

von Salman Ansari, am 13.02.2008, 10:14
Seit der PISA-Studie ist eine beunruhigende Entwicklung zu beobachten, die nicht nur Ihren Kindergarten, sondern auch zahlreiche andere Projekte (z.B. Bremen) betrifft, die naturwissenschaftliche Bildung in Kindergärten und Grundschulen propagieren. Das Fieber "weg von der Natur, hin zur Apparatur" scheint um sich zu greifen. Es gibt keine einzige empirische Studie, die für die Effizienz solche Projekte spricht. Ohnehin ist es fragwürdig, die Kinder mit Fragen und Aktivitäten zu belasten, die sie unmöglich nachvollziehen können. Es macht wenig Sinn, mich von Ihrer Arbeitsweise zu überzeugen, wenn ich sie im Kern für Kinder ungeeignet erachte.
von Prof. Dr. Elsbeth Stern, ETH Zürich, am 13.02.2008, 15:21
Ich kann als Lehr- und Lernforscherin sowie Entwicklungspsychologin den Kommentaren von Salman Ansari uneingeschränkt zustimmen. Dass in Deutschland mehr für die frühkindliche Bildung getan werden muss, ist unbestritten. Aber in jedem Lebensalter gilt, dass nur gelernt werden kann, wenn neue Information an bestehendes Wissen angeknüpft wird. Das ist bei dem beschriebenen "Experiment" wie auch bei ähnlich gelagerten "Lernprogrammen" nicht der Fall. Es ist zu befürchten, dass die Kinder Fehlvorstellungen erwerben, die später nur mühsam wieder korrigiert werden können. Statt kleinen Kindern mit für sie unverständlichen - und von den Erziehern bestenfalls halb verstandenen - Experimenten zu kommen, sollte man sich in der frühkindlichen Bildung lieber auf die Vermittlung von anschlussfähigem Wissen konzentrieren.
von Debbie Schwefer, Mutter von 2 Söhnen, am 14.02.2008, 21:21
"http://Frühkindliche naturwissenschaftliche Bildung finde ich sehr gut! Auch ich unterstütze meine Kinder in diesem Punkt. Aber hier gilt es grundsätzliche und leicht verständliche Zusammenhänge zu vermitteln, die sich am für Kinder spannenden Alltag orientieren - nicht mehr. Alles andere mögen Kinder auch spannend finden, werden sie und ein Großteil der Erzieherinnen eher nicht verstehen./

von Hermann Krekeler, am 21.06.2010, 00:18
In der gegenwärtigen Debatte haben es Kritiker wie Salman Ansari leider schwer. Aus meiner Erfahrung kann ich ihm nur zustimmen. Was heute im Namen: "naturwissenschaftliche Grundbildung" veranstaltet wird, erscheint mir fast wie systematische Verdummung von Kindern.

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