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30Mrz/090

Schule des Staunens – Lernen und Forschen mit Kindern

Peter Schipek im Gespräch mit Dr. Salman Ansari
"Kinder lernen immer, aber nicht immer nach Lehrplan.
Lehrer unterrichten nach Lehrplan, aber nicht immer sind sie glücklich damit.
Beide werden in der Schule immer wieder zu Tätigkeiten gezwungen,
bei denen sie versagen. Im entdeckenden Lernen liegt eine Chance
für Lerngemeinschaften in der Schule und im Alltag, daran etwas zu ändern.

Der Naturwissenschaftler, Lehrer und Lehrerpädagoge Salman Ansari
zeigt in diesem Buch für Lehrer und Eltern an faszinierenden Unterrichtsprojekten,
wie alltagsnahe Kinderfragen und kindgerechte Experimente mit alltäglichen Dingen
im Sachkundeunterricht genutzt werden können, ohne die kleinen Forscher
gleich mit wissenschaftlichen Experimenten zu überfordern."
(Schule des Staunens)

Interview schule-des-staunens als pdf-datei

Peter Schipek:
„Warum ist der Himmel blau?“, „Weshalb können Flugzeuge fliegen?“
„Schwitzen Kühe unter schwarzen Flecken mehr als unter weißen“?
Barbara stellt so viele Fragen. Aber ihre Mutter weiß nicht, wohin mit so viel „Warum?“.
Eltern und Lehrer stehen oft mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und Faszination
vor dem Forschergeist der Kinder. Was können wir tun, wenn wir selber nicht wissen,
was Barbara und ihre Freundinnen wissen wollen?

Salman Ansari:
Ich bin bisher keinem Kind begegnet, das mir solche Fragen gestellt hat. Selbst wenn ein Kind
dennoch auf die unwahrscheinliche Idee käme, dass schwarze Körper (Kuh!) wärmer werden
können, als anders gefärbte Gegenstände, dann muss man eben fragen, was das Kind selber
dazu meint. Besser wäre es zu sagen, ich weiß es nicht. Oder die Idee des Kindes aufgreifen
und schauen, ob dies ganz allgemein gilt; also ob eine schwarze Tasse die Milch länger warm
hält als eine Gelbe, oder ob es gut ist, im Sommer schwarze Kleidung zu tragen usw. Man wird
damit nicht die Frage beantworten können, jedoch dazu beitragen, dass das Kind und die Eltern
sich darüber wundern, dass aus irgendeinem Grund, die schwarzen Körper besser Wärme
aufnehmen und auch länger festhalten. Das reicht schon.

Peter Schipek:
„Kinder lernen authentisch. Dies will besagen, dass sie Ereignisse in ihrer Umwelt
nachzuahmen versuchen. Nachahmen setzt Beobachten und genaues Zuhören voraus
und vermittelt Erfahrungen, die für das Kind Bedeutungen erzeugen.“ – ein Zitat aus Ihrem Buch.
Barbara kann schon vor der Schule ihren Namen schreiben, Wörter lesen und bis hundert zählen.
Es ist einfach so „passiert“ – Eltern und Verwandte sind fasziniert. Wie können wir diese
vielversprechenden Anfänge ursprünglichen Lernens auch in der Schule weiterführen?

Salman Ansari:
Dass Kinder über unterschiedliche Fertigkeiten verfügen, hat viele Ursachen. Hat ein Kind ältere
Geschwister, dann lernt es von Ihnen sehr viel. Die unterschiedlichen Kompetenzen der Kinder
sind hilfreich, damit andere Kinder motiviert werden, um diese nachzuahmen. Wichtig ist, dass wir
Anlässe dafür schaffen, dass Kinder voneinander lernen. Mit der Mathematik ist es ein besonderes
Problem. Am Besten schafft man Anlässe, dass Kinder zwischen „mehr“ und „wenig“; „gleich“ und
„ungleich“,“ groß“ und „klein“ usw. unterscheiden lernen. Dies fördert das mathematische Denken.
Die Weiterführung muss berücksichtigen, dass es uns Menschen nicht gegeben ist, mathematische
Sachverhalte so zu erlernen, wie die Muttersprache. Also ohne jegliche Pädagogik.

Dies bedeutet, dass man sich bei Kindern darum bemühen muss, herauszufinden, wie sie die
Sprache der Mathematik fast wie eine Fremdsprache lernen können. Aber da sind wir weit davon
entfernt, weil wir der Meinung sind, das Verständnis der Mathematik hinge mit der Intelligenz bzw.
mit einer besonderen Begabung zusammen. Ich kenne sehr viele ungewöhnlich begabte Kinder,
die von der Mathematik nichts wissen wollen. Sind die Kinder denn selber schuld?

Peter Schipek:
Ausprobieren, Experimentieren, selbst Erfahrungen machen: Kinder verfügen über
einen gewaltigen Erforschungs- und Entdeckungsdrang.
Wie können wir denn Lehrer ausbilden, Kinder anzuregen, dass sie selbst etwas herausfinden –
vielleicht Dinge entdecken, von denen auch der Lehrer gar keine Ahnung hat?

Salman Ansari:
In dem die Lehrenden lernen, wie die Kinder zu sehen. Also ohne gleich nach einer richtigen Antwort
zu suchen. Kinder habe ja die Gabe der reinen Anschauung. Dies müssen sich die Lehrenden
auch aneignen und sich somit von akademischen Kategorien befreien.

Peter Schipek:
Wozu Experimente? – aus einem Kapitel Ihres Buches:
„In der Schule werden häufig Experimente gezeigt, die mit bestimmten Themen einhergehen.
Zum Beispiel lernen die Kinder bereits in der etwas über die Zusammensetzung
der Luft. . . . Sie schauen einigen aufregenden Experimenten zu und schreiben die Merksätze auf.
Doch die zentrale Frage ist, ob sie als Lernende in einer alltäglichen Situation jemals auf die Frage
gestoßen wären, ob die Luft ein Gemisch von verschiedenen Gasen sein könnte.“
Wie sinnvoll sind solche Experimente? Wie können Lehrer Experimente im Unterricht
sinnvoll und wirkungsvoll einsetzen?

Salman Ansari:
Sinnvoll könnten Experimente sein, wenn die Lehrenden sich darauf besinnen, wie die
Menschheit auf die Idee gekommen ist, Fragen zu stellen. Erst war die Faszination über die
Naturerscheinungen da. Die Idee der experimentellen Befragung eines Aspektes einer Frage
ist sehr viel später entstanden. Daher wäre der natürliche Fortgang: Erst im Gespräch
die Faszination zu erwecken und zu vertiefen, dann, falls notwendig, zu überlegen,
ob ein Experiment dazu verhelfen könnte, die Frage zu beantworten.
Überhaupt beinhaltet die Kategorie „Experiment“, die Suche nach einer Aufklärung eines
Aspekts einer Fragestellung und niemals die ganze Antwort darauf. Es ist daher nicht sinnvoll,
die Fragen an die Natur, durch eine labortechnische Vorführung beantworten zu wollen.

Peter Schipek:
Geeignete Orte für entdeckendes und forschendes Lernen.
Es heißt, der „Raum“ wäre der „dritte Pädagoge“. Welche Ansprüche stellt ein forschendes
Lernen an den Arbeitsplatz des Kindes?

Salman Ansari:
Wenn Kinder die Wahl hätten, eine Lernumgebung zu wählen, würden sie sich wahrscheinlich
für die Natur entscheiden.
Wer Kinder im Freien beobachtet, kann erkennen, wie sich ihr Verhalten von den Formen
des Spielens und Lernens in geschlossen Räumen deutlich unterscheidet. Das Spielen in der
freien Natur verwandelt die Kinder in Forscher, Erfinder und Gestalter. Spontan kommen hier
individuelle Begabungen, Fertigkeiten zum Tragen.

Nur dort, wo Kinder in einer natürlichen Landschaft ihre Bedürfnisse ausleben können,
entfalten sie auch eine Reihe von bedeutenden Kompetenzen, wie zum Beispiel Ausdauer,
Problemlösungsstrategie, Feinmotorik, Organisationsfähigkeit, unterschiedliche
Kommunikationsformen, Kategorisierung, Sortierung, Analyse usw.
Offensichtlich wirkt die natürliche Umgebung stark stimulierend für die natürliche Entwicklung
und Förderung solcher Kompetenzen und bedarf keiner geleiteten Instruktion. Der Begriff
„Raum“ als dritter Pädagoge meint wohl, die Verschmelzung der Innenwelt mit der Außenwelt.
Kann man das überhaupt erreichen? Gewiss Räume sind wichtig, doch nicht als Pädagoge.
Mit einem guten Lehrer kann man in ganz primitiven Räumen sehr gut lernen. In Indien oder
Vietnam lernen Kinder mit einem guten Betreuer sehr gut. Der Raum als dritter Pädagoge
ist ein Topus. Die räumliche Umgebung kann gar nichts bewirken, wenn darin Lehrer agieren,
die sich selber als Pädagoge nicht entdeckt haben.

Peter Schipek:
„Vom Lehrer zum Mentor – Idee einer neuen Schule“ – ein weiteres Kapitel aus Ihrem Buch.
„Voraussetzung für eine Änderung des pädagogischen Handelns ist eine persönliche
Einsichtsveränderung bei Lehrenden und Eltern.“ Wie können wir Lehrer aus der Rolle
des staatlichen Wissenstrainers befreien, sie zu Mentoren ihrer Schüler machen?

Salman Ansari.
Wer hindert uns daran? Welche andere Möglichkeit gibt es denn, um zusammen mit den
Kindern die Welt zu entdecken. Ich denke, wir haben da keine andere Wahl.
Entweder wir jammern weiter oder wir besinnen uns auf die natürlichen Wege des Lernens
und Lehrens. Und natürlich in diesem Kontext bedeutet immer, die Frage nach der eigenen
Identität als Lehrer. Diese muss jeder selbst beantworten. Wenn die Identität mit den staatlichen
Vorgaben zusammenfällt, dann sucht man ja gar nicht nach seiner Beziehung zu den Kindern
und daher fehlt die Neugier darauf, wie sie denken.

Peter Schipek:
Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, sehe ich den Lehrer, der vor der Klasse steht.
Die Fragen kamen vom Lehrer, wir waren für die Antworten zuständig.
Das war in meiner Schulzeit – ich könnte aber genauso gut von der Gegenwart sprechen.
Was können wir tun, damit sich entdeckendes Lernen stärker durchsetzt?

Salman Ansari:
Wir müssen viel einfacher werden, uns von dem Druck der der Schule
befreien. Wir müssen uns um die Prozesse der Wissensaneignung auseinander setzen.
Wir haben unendlich viele Ressourcen, um dies zu verwirklichen. Die Schule ist ein Raum
für die Entdeckung der eignen, verdrängten Kindheit und Jugend. Die Schule ist ungemein
belehrend für die Lehrenden. Wer dies wirklich entdeckt, braucht sich auf keine staatlichen
Vorgaben zu kümmern, und trotzdem werden seine Schüler die herausragenden Leistungen
vollbringen.

Peter Schipek:
Herr Dr. Ansari – herzlichen Dank für das interessante Gespräch

Buch zum Interview: Schule des Staunens

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