Salman Ansari Menschen · Natur · Leben · Literatur · Musik

17Nov/110

Nur heile Seelen sehen die Natur

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Bedürfnis nach Nähe

Es gibt viele Kinder, die beim Eintritt in den mangelhafte soziale Kompetenzen aufweisen. Sie verhalten sich auffällig unruhig und unausgeglichen. Sie haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Zuwendung und körperlicher Nähe - und sie besitzen eine nur defizitäre . Familie als Ort der kindlichen Entwicklung mit Vorbildern, Bezugspersonen und Identitätsmöglichkeiten ist nicht mehr selbstverständlich. Insofern sind Kinder heute die Verlierer der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Sie sind, bei aller hysterischen Kindvergötterung, die wirklichen Außenseiter der Gesellschaft.
In seinem in den 80er Jahren erschienenen Buch "Das Verschwinden der Kindheit" analysiert der Medienwissenschaftler (1931-2003) die Folgen der zunehmenden Verbreitung von elektronischen Medien. Kinder sind - so seine These - heute konfrontiert mit der ganzen Wirklichkeit der Erwachsenenwelt. Sie werden viel zu früh zu total überforderten "kleinen Erwachsenen". Die Gesellschaft schreckt nicht davor zurück, technische Errungenschaften bedenkenlos gegen das Wahrnehmungspotenzial des kindlichen Gehirns zu richten. Angesichts einer digitalen Überflutung der Kinder mit zum Teil schwer fassbaren Bildern sind Postmans Warnungen heute aktueller denn je.
Können wir all dies durch mehr (gelenkte) Naturerfahrung für Kinder erträglicher machen? Kann die Begegnung mit der Natur hierbei eine heilende bzw. kompensatorische Rolle spielen? Dies ist, anders als Louv suggeriert, eine offene Frage.
Wir, die Generation der heute über 50-Jährigen, bekamen wenig von der Welt der Erwachsenen mit. Es gab noch keine Möglichkeit, virtuelle Welten aufzusuchen - und in sie zu fliehen. Wir waren angewiesen auf soziale Kontakte und Kommunikation mit anderen Kindern, um unseren Alltag zu gestalten. Hatten wir dafür wirklich mehr Ahnung über die Natur? Meine vielen Freunde und ich jedenfalls nicht. Es hat Spaß gemacht, im Park oder im Wald zu sein. Mehr war es nicht. Viele von uns suchten später die Natur auf, um ästhetische Erfahrungen zu machen.
Abenteuerspielplätze, Kletterwände und andere verplante Flächen haben heute wilde Spielräume ersetzt, die Kinder selbst gestalten und erfinden könnten. Diese Möglichkeiten sind ihnen nun weitgehend verschlossen. Stattdessen versuchen Bücher wie das vorliegende, Anregungen und Ratschläge zu geben, wie man diesem Mangel abhelfen könnte. Das ist gut so. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass wir mit viel Kosten und großem Aufwand etwas wiederherzustellen versuchen, das wir wider besseres Wissen begradigt, zubetoniert und zerstört haben. Wir müssen uns auch vor Augen halten, dass die Natur ein Freiraum bleiben sollte, in dem wir die Kinder ohne aufdringliche Didaktisierung zunächst einmal ihre eigenen Erfahrung machen lassen sollten.
Beim Lesen des Buchs von musste ich mich selbst fragen, was wir eigentlich unter Naturerfahrung verstehen. Naturerfahrung ist die Bewusstwerdung eines unbegreiflichen Netzwerks. Das Merkmal dieses Netzwerks zeichnet sich durch Vielfalt, unaufhaltsame Veränderung und die wechselseitige Abhängigkeit von unüberschaubaren Ökogemeinschaften aus; und diese Abhängigkeit manifestiert sich in unzählbaren Mustern.
Naturerfahrung ist das Staunen über die raffinierte Architektur eines Spinnennetzes, aber auch das Erlebnis, wie ausweglos ein Insekt ist, wenn es in das Netzwerk hineinfliegt. Naturerfahrung ist das Erleben einer Krötenwanderung, die Verpuppung einer Raupe. Naturerfahrung ist die Wahrnehmung von Wassertropfen, wie sie nach dem Regen als leuchtende Perlen auf Blättern sitzen. Naturerfahrung ist das Gewahrwerden des Zusammenspiels zwischen Bienen und Blumen. Naturerfahrung ist das körperliche Erleben von physikalischen Kräften. Diese Vielfalt der Naturphänomene ist überall erfahrbar, auch in den Metropolen der Welt. Wie sie noch eindringlicher erfahrbar gemacht werden könnte, kann man an vielen Beispielen bei Louv lernen.
Immer, wenn ich mit Kindern im Wald bin, erlebe ich, dass sie Natur zunächst als einen Zuwachs an Bewegungsfreiheit erfahren. Sie schauen nicht, sie rennen. Erst nachdem sie sich ausgetobt haben, fangen sie an zu buddeln, herumliegende Stöcke und manchmal auch Steine zu sammeln. Erst wenn ich sie auffordere, größere Steine hochzuheben oder in das Innere von modernden, pilzbefallenen Baumstämmen hineinzusehen, sind sie fasziniert von dem darin sichtbaren Mikrokosmos: Laufkäfer, Asseln, Tausendfüßler, Ameisen, Milben und Spinnen, eine ganze Schar verschiedener Lebewesen findet hier einen Lebensraum.

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