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27Sep/130

Warum Kinder hyperaktiv reagieren. Antworten auf eine unbewältigbare Wirklichkeit

Sigmund Freuds Feststellung, jedes Zeitalter habe seine eigenen Störungen und Neurosen, scheint sich zu bewahrheiten - damals war es die Hysterie, die heute als Krankheitsbild weitgehend verschwunden ist. Heute sind es Depressionen, , und nun bei Kindern , extreme Konzentrationsstörungen, verbunden mit der Unfähigkeit, am Schulunterricht konstruktiv teilzunehmen.

Erstveröffentlichung: erzieherin.de, 02.02.2013

Wenn Eltern und die Gesellschaft die Verabreichung einer Droge zu unbedacht befürworten, dann stehlen sie sich aus der Mitverantwortung für ihre Kinder und überantworten diese einem Betäubungsmittel. Denn ist verwandt mit Amphetamin und Heroin. Nicht alle Kinder, die schlucken, haben eine genetisch verankerte ADHS . Wie oft habe ich beobachtet, dass Kinder mit einer ADHS Diagnose im Verlaufe von wenigen Jahren sich ohne beruhigten. Sie hatten das Glück, beruhigende Erfahrungen zu machen. Um solche Erfahrungen machen zu können brauchen Kinder Zeit und eine Umgebung, die sie nicht gleich stigmatisiert und ihnen somit die Chance einräumt, sich nach ihrem eigenen inneren Tempo zu entwickeln.

Wenn Jugendliche mit Unruhe verbreitender Aggressivität, Agilität und Nervosität auf die Anforderungen ihrer Umwelt reagieren, dann ist ihr Verhalten zugleich eine Antwort auf die Unzumutbarkeiten einer Wirklichkeit, der sie sich nicht entziehen können.  Kinder sind permanent umgeben von Lärm und Hektik. Hinzu kommen ständig wechselnde Reize, ununterbrochene, verwirrende Wechsel zwischen realen und virtuellen Geschehnissen. Kinder nehmen teil an all den Bildern globaler Katastrophen und Informationen und werden somit Zeugen von Gewalt, von Mord und Krieg, von Geschehnissen, die sie noch gar nicht einordnen und verkraften können. Sie erleben zunehmend verbale Gewalt, die den alltäglichen Umgang vieler Erwachsenen mit ihren Mitmenschen kennzeichnet, sich aber auch in  diversen Filmen, z.B. in den täglich auf allen Kanälen des Fernsehens zu besten Sendezeiten ausgestrahlten Krimis manifestiert. Die Welt der Erwachsenen bietet den Jugendlichen wenig an Vorbildern und nachahmenswerten Ritualen, die auf die Sinne beruhigend und Vertrauen erweckend wirken und Geborgenheit vermitteln könnten. Hinzu kommt, dass die Eltern oft überzogene Anforderungen an ihre Kinder stellen und von ihnen herausragende Leistungen erwarten.

Im erfahren Kinder von Erwachsenen in den meisten Fällen Zuwendung, Ermutigung und respektvolle Wahrnehmung ihrer Individualität. In der sind sie jedoch in der Regel reduziert auf die Kategorien „gute“ oder „schlechte“ Lerner. Dabei müssen sie sich einem Curriculum unterwerfen, das keinen Raum für ihre altersgemäßen Bedürfnisse und Erfahrungsmöglichkeiten zulässt. Denn in der Schule besteht oft wenig Interesse an den eigenen Vorstellungen der Lernenden über Sachverhalte, die sie bewältigen müssen. Sie haben dann keine Möglichkeit mehr, die Welt auf ihre Art zu ergründen, sondern werden zu Konsumenten von Werten erzogen, die Erwachsene für sie ausgedacht haben.

Unter solchen Bedingungen ist es fast ein Wunder, dass so viele Jugendliche es  dennoch schaffen, den Anforderungen des Alltags zu entsprechen, ohne neurotisch zu werden.

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Kindergarten- und Grundschulkindern zusammen.  Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen frage ich mich, wie viel Zeit ein Kind noch haben darf, um zu spielen und seine Fantasie zu entfalten, wenn seine Persönlichkeit  durch seine schulischen Leistungen definiert wird. Die Schulerfahrung vieler Kinder kommt  einem Gefühl von Versagen gleich. Die Belehrungspädagogik betrifft allerdings nicht mehr nur die Schulen. Seit einigen Jahren gibt es auch für Kindergärten Bildungspläne. In Rahmen dieser Pläne taucht auch das Bekenntnis auf, dass das kindgemäße Lernen das Spiel sei. Doch wo sollen die Kinder die Zeit zum Spielen hernehmen, wenn sie gleichzeitig all die Kompetenzen erwerben sollen, die diese „Bildungspläne" propagieren.

Die Frage ist, wie der Schulunterricht eine Umgebung schaffen könnte, die Kindern Möglichkeiten bietet und sie dabei begleitet, sich nach ihrem eigenen Rhythmus, nach ihren eigenen Vorerfahrungen und Vorstellungen, ihren Interessen zu entwickeln, ohne der Leistung den ersten Platz einzuräumen.

Hierzu eine Beobachtung:

In jeder Pause rennt Katharina  hinaus auf den Spielplatz der Schule. Dort beobachtet sie gespannt, wie ein Junge mit sieben Bällen meisterhaft jongliert. Nachdem sie ihn einige Zeit beobachtet hat, erscheint sie mit drei Tennisbällen und fängt einfach an. Sie nimmt das Misslingen ohne ein Anzeichen von Frustration oder Verzagtheit hin, als wüsste sie schon im Voraus, dass das Beherrschen einer Fertigkeit Arbeit voraussetzt. Katharina ist dabei, sich neue Kompetenzen anzueignen, und Kompetenz bedeutet stets, etwas zu beherrschen, setzt also ein Können voraus. Katharina muss Bewegungsabläufe koordinieren, rhythmisieren, Körperbeherrschung lernen. Mit jedem weiteren Tag schärft sie deutlich erkennbar ihre Sinneswahrnehmung und steigert sich in ihrer Konzentrationsfähigkeit. Ein Aufgeben bzw. Scheitern steht für sie außer Frage. Denn mit jedem weiteren Tag verspürt sie einen Fortschritt und somit die Ermutigung, dabei zu bleiben.  Katharina möchte eine Kunstfertigkeit beherrschen, unter Kontrolle bringen. Sie muss zugleich auch ihre Emotionen kontrollieren lernen; sie muss geduldig Fehlschläge und Frustrationen hinnehmen. Mit jedem Scheitern lernt sie intuitiv, wie sie es besser machen soll und somit auch jene Regeln, die ein Gelingen ermöglichen.

Ich habe Katharina damals nicht unterrichtet,  sprach jedoch über sie mit ihrer Klassenlehrerin. Im Unterricht sei Katharinas Verhalten leider nicht von jenen Tugenden gekennzeichnet, die ich bei ihr beim Jonglieren entdeckt hätte, meinte die Klassenlehrerin. Katharina sei auffällig unruhig und würde auch andere mit ihrer Unruhe anstecken.

Was ist da passiert? Katharina beherrschte doch alle Instrumentarien zum erfolgreichen Lernen. Wieso entfalteten diese sich nicht im Klassenraum?

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